Zum Tod des Malers und Naturfreundes Carl-Heinz Westenburger - Ein
Weltmann aus dem Erzgebirge

Der Naturmensch: Carl-Heinz
Westenburger mit einer Stoff-Malerei in seinem Garten in Tannenberg.
Brigitte Streek/Archiv
Tannenberg. Atelier und Garten, das Drinnen und
Draußen, wie er sagte, boten immer ein herzliches Willkommen. Carl-Heinz
Westenburger hatte mehrfach auch an den Pfingsttagen zum "Offenen
Atelier" eingeladen - und bei ihm waren sie immer ein besonderes Erlebnis,
diese Blicke durch die Atelierfenster hinaus in die Natur, und die Geschichten,
die der Maler zu erzählen wusste. Das kleine alte erzgebirgische Haus in
Tannenberg ist zu einem Haus der Trauer geworden. Westenburger ist Anfang der
Woche im Alter von 83 Jahren gestorben. Seine Kraft und sein unbändiger Wille
zur künstlerischen Arbeit reichten nicht mehr, einer schweren Krankheit zu
widerstehen. Der Tod kam in der Zeit des großen Blühens.
Für den Maler war die Natur immer von großer
symbolischer Kraft des Werdens und Vergehens. Sein Lebenskreis folgte den
Jahreszeiten des Gartens, der Zwiesprache mit der Natur, die seine eigentliche
Malerwerkstatt war. Nun, da alles wieder aufblüht, werden für seine Freunde und
Künstlerkollegen die legendären Exkursionen mit Carl-Heinz Westenburger durch
die Naturschutzgebiete der Hermannsdorfer Wiesen jetzt Erinnerung bleiben
müssen. Er war als Maler ein Naturlehrer wie kaum ein anderer.
Dass er mit Weg und Steg im Erzgebirge vertraut war von
seiner Kindheit in Tannenberg an, hat ihn als Maler um so fester an die engere
Heimat gebunden. Aber zu seiner Natur gehörten auch: die Tundra in Karelien und
Sibirien, die Hochgebirgssteige als Malerpfade im Kaukasus wie in den Alpen
oder auf dem Balkan, die Fjelle Norwegens. Der Bauer im Nachbardorf und der
Wismutkumpel wie der Fischerjunge am Baikalsee. Und ebenso sein pendelnder Stil
zwischen Figürlichkeit und Abstraktion vereint den Maler Westenburger als
erzgebirgischen Weltmann.
Er hätte um ein Haar nach dem Studium an der
Kunsthochschule Weißensee in Berlin bleiben müssen. Nicht auszudenken, wenn
diesem Mann das Erzgebirge als permanente Heimat verloren gegangen wäre. Noch
während des Studiums kriecht er in Johanngeorgenstadt in den Wismutschacht. Als
er dort zeitweilig zeichnet, gewinnt er neue Seh-Erfahrung, die visuelle
Faszination des mineralischen Reichtums des Erzgebirges "unten
drunter".
Immer werden Silberstufen, Steinstrukturen und ihre
Synthese über Tage in der pflanzlichen Besiedelung seine Bildthemen bleiben:
als Metapher von Leben und Lebensgrund. Das kleinste mineralische Farbspiel und
das winzigste Pflanzendetail werden Westenburgers Elemente großer Wandbilder,
nicht selten als architekturbezogene Mosaik- oder Farbglaskompositionen. Eines
dieser Werke wurde durch Bürgerengagement gerettet, es ist vielleicht sein
bestes Glasbild: die große Komposition "Erzgebirge", einst für das
Wismutkulturhaus Johanngeorgenstadt entstanden und nun vor der Zerstörung
bewahrt und an neuem Ort zur Wirkung gebracht. Ein glücklicher Moment für den
83-jährigen Künstler.
Der Tod nimmt eine seiner stillen Hoffnungen mit ins
Grab: Dass die Stadt der Moderne, die gern das Zentrum der Region ist und das
auch als Kunstzentrum sein sollte, eine Ausstellung zustande kriegt. Seit der
Wende haben nur private Galerien nennenswert von seinem Werk Kenntnis genommen.
Seine Befürchtung, dass es ihm so gehe wie seinem Malerkollegen Heinz Tetzner,
war begründet.
Von
Reinhold Lindner